Wer Armut anprangert, spielt mit dem Feuer?

Ein argumentativ fragwürdiges Gedankenexperiment, dass in seiner Konsequenz im Endeffekt genau das tut, das es anklagt: Spiegel-Online veröffentlicht auch Artikel von Menschen, die die Existenz von Pegida, AfD und Co. gerne mal bei denen Suchen, die sich für mehr Gerechtigkeit im Land stark machen. Das ergibt natürlich Sinn. Lesen Sie die kommentierte Fassung des Originalartikels. Zitate wurden kenntlich gemacht und eingefärbt.

Der Link spricht schon Bände: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/armut-paritaetischer-wohlfahrtsverband-spielt-mit-dem-feuer-a-1078831.html

Erster Eindruck: Der Wohlfahrtsverband hat sich vermutlich einen dicken Ferrari geleistet? Oder sonst irgendwas absolut unpassendes gemacht? Aber es geht erstmal weiter.

Der gefährliche Blues vom bitterarmen Deutschland

Nun hat uns Ulrich Schneider wieder den Blues gesungen. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der in seiner Freizeit Frontmann einer Rockband namens „Dude“ […] ist, stellte am Dienstagmorgen in Berlin den neuen Armutsbericht seines Verbandes vor: […] Bundesweit seien 15,4 Prozent der Menschen arm, bei den Kindern und Jugendlichen seien es sogar etwa 19 Prozent. Millionen Menschen würden „ausgegrenzt“ und in „Subkulturen abgedrängt“, mahnte Schneider, das alles sei „erschreckend“.

Hier wollen wir erstmal festhalten, dass die Wortwahl dieses Kommentars respektlos auf der Grenze zum verhöhnen ist. In der Regel kein Zeichen für die intellektuelle Stärke der vorzubringenden Gegenargumente, die man nun ja erwarten kann.

[…] Doch diese Menschen [Anmerkung: die Flüchtlinge] fließen in Schneiders Rechnung noch gar nicht ein, weil der Verband mangels frischen Datenmaterials mit Zahlen aus 2014 operiert, also aus einer Zeit vor dem großem Zuzug.

Würde das bei anderen Themen auch stören? Es ist tendenziell auch möglich, von guter wissenschaftlicher Praxis auszugehen, wenn man Daten verwendet, die vollständig vorliegen und ausgewertet werden können.

Abgesehen davon, ist der alljährliche Blues-Song sowieso ein schiefes Lied. Für Schneider und seine Fans sind nämlich alle Menschen „arm“, die von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens leben müssten.

Das Prinzip nennt sich relative Armut. Es ergibt umgekehrt wenig Sinn, zu behaupten, jemand der den deutschen Mindestlohn verdient sei nicht arm, wenn man den Verdienst mit dem durchschnittlichen Einkommen in beispielsweise Burkina Faso vergleicht. Googlen wir man schnell das mittlere Einkommen, so erhalten wir einen Median-Wert von 2008 (https://de.wikipedia.org/wiki/Mittleres_Einkommen) von 1.772 € netto. Es finden sich auf der Seite noch andere Werte, die jedoch weniger hoch sind, und wir wollen Herrn Kleinhubbert ja wohlwollend gegenübertreten.

Rechnen wir also aus, was 60% vom mittleren Einkommen ausmachen, landen wir bei 1033 €. Der Paritätische sagt also, dass Menschen die in Deutschland weniger als 1033 € netto zur Verfügung haben, als arm gelten.

Das ist zumindest heikel, denn selbst wenn in unserem Land nur millionen- und milliardenschwere Ferrari-Fahrer gemeldet wären, gäbe es hier Armut. Irgendwer fällt immer unter die Grenze.

„Irgendwer fällt immer unter die Grenze“ ist ein recht schlechtes Argument gegen das Prinzip der relativen Armut. Da ist gar nichts heikel dran, denn in Deutschland leben nicht nur Ferrari-Fahrer. Das völlig aus der Luft gegriffene Beispiel, dass natürlich den Begriff der Armut obsolet machen würde, hat gar nichts mit der Realität zu tun, und ist daher vollkommen fehl am Platze. Das der Paritätische die ärmeren Ferrari-Fahrer dann immer noch als arm bezeichnen würde, unterstellt Herr Kleinhubbert einfach mal.

Unterstützung für AfD und Co.

Es zeugt also nicht zwangsläufig von steigender Armut, wenn immer mehr Menschen unter die 60-Prozent-Schwelle rutschen, sondern allenfalls von wachsender Ungleichheit, die zu beklagen ja eigentlich schon ausreichen würde. Doch Schneider und den Seinen genügt das nicht, sie verkünden trotz nachweislich steigender Durchschnittseinkommen, gesunkener Arbeitslosigkeit, Mindestlohn und weiter ausgebauter sozialstaatlicher Leistungen unbeirrt und jedes Jahr die Mär vom bitterarmen Deutschland.

Mit diesem kleinen „Also“ stellt Herr Kleinhubbert seine Vision vom Ferrari-Deutschland, in dem der völlig verrockte Paritätische trotzdem Armut erkennen will, einfach mal als wahr da.
Wenn es „nachweislich“ steigende Einkommen usw. gibt, wo bleiben dann die Quellen? Oder sind das nur die, die „unbeirrt jedes Jahr die Mär vom reichen Deutschland verkünden?“

Schauen wir nochmal auf Wikipedia:

„Kaufkraftbereinigt auf Basis der Preise von 2005 lässt sich folgende Entwicklung des Medians des Nettoerwerbseinkommens aller abhängig Beschäftigten feststellen:

  • im Jahr 2000 (33,2 Millionen abhängig Beschäftigte) 1.324 Euro/Monat,
  • im Jahr 2005 (33,4 Millionen abhängig Beschäftigte) 1.300 Euro/Monat,
  • im Jahr 2010 (35,3 Millionen abhängig Beschäftigte) 1.294 Euro/Monat.“

 

Sieht jetzt tendenziell nicht nach Wachstum aus.
Weil ich mich einfach nicht daran erinnern kann: was ausser dem Mindestlohn ist an sozialstaatlichen Leistungen in den letzten Jahren denn eigentlich ausgebaut worden? 

Das ist gerade in diesen Zeiten äußerst gefährlich. Denn wer dem Paritätischen Wohlfahrtsverband seine Botschaft einfach so abkauft, den kann schnell die Wut packen – auf ein System, das die eigenen Bürger angeblich in Armut vegetieren lässt.

Es ist fahrlässig, den Eindruck zu erwecken, dass es vielen Menschen in Deutschland immer schlechter geht. Wer wider besseres Wissen so tut, als könnten immer mehr Männer und Frauen trotz harter Arbeit oder gestiegener Hartz IV-Bezüge kein würdiges Leben führen und zum Beispiel ihren Nachwuchs nicht mehr angemessen ernähren, der handelt verantwortungslos. Er trägt weitere Unruhe in jene Teile der Bevölkerung, die wegen der Flüchtlingskrise ohnehin schon verunsichert sind, und treibt denjenigen Wähler und Unterstützer zu, die einfache Antworten liefern.

Es kann also sein, dass Blues-Sänger Schneider einige neue Fans bekommt, die er sich nicht gewünscht hat. Zum Beispiel AfD-Politiker, NPD-Wirrköpfe und Pegida-Gröhler.

Der Hartz-4 Regelsatz beträgt 404 €. Gut, sagen wir, man bekommt noch die Miete dazu, schätzen wir sie einfach mal großzügig auf 350 €. Dann liegen wir bei 754 € oder ca. 73% der vom Partitätischen Wohlfahrtsverband vorgeschlagenen Armutsgrenze. Können wir uns vorstellen, dass 404€ zur freien Verfügung im Monat eine echte Beteiligung am sozialen Leben in Deutschland ermöglichen?

Und hier liegt jetzt das eigentliche Kunststück.
Seit Jahren wird der Sozialstaat abgebaut. Vielleicht schrumpft das Sicherheitsgefühl, wächst die Angst vor Altersarmut und sozialem Abstieg, gerade weil „immer mehr Männer und Frauen trotz harter Arbeit oder gestiegener Hartz IV-Bezüge kein würdiges Leben führen und zum Beispiel ihren Nachwuchs nicht mehr angemessen ernähren können.

Vielleicht existiert die Unruhe in der Bevölkerung, grade weil es vielen Menschen in Deutschland immer schlechter geht. Weil als alternativlos bezeichnete, neoliberale Wirtschaftspolitik die Menschen allein lässt. Das neoliberale Kapitalismusmodell versagt in vollen Zügen. Die Menschen bekommen das am eigenen Leibe zu spüren, immer mehr müssen Flaschen sammeln.

Herr Kleinhubbert, kann es sein, dass der Abbau des Sozialstaats und die wachsende Armut in Deutschland ein Grund für den Zulauf von Pegida und AfD sind? Und nicht etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband, der das Kind lediglich beim Namen nennt?

Wer spielt hier bitte mit dem Feuer, ist dann wohl die Frage, die bleibt. Was wollen Sie erreichen, mit einem derartigen Artikel? Vielleicht kann jemand aufzeigen, wo ein solcher Artikel mehr zum gesellschaftlichen Frieden beiträgt, als die Arbeit des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der schlicht und einfach eine Verbesserung der Sozialpolitik in Deutschland fordert?

Wer Wind sät, wird Sturm ernten, so heißt es. Die Aussaat kommt aber nicht vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der Kausalität zu folgen ist kompliziert, aber letztlich in diesem Fall doch sehr deutlich: die Politik, spätestens seit der Agenda 2010, geht gegen den Großteil der Menschen. Die Bankenkrise, die Finanzkrise, der Abbau des Sozialstaats, das alles geht zusammen und verunsichert die Menschen. Darin liegt der Grund für extreme Bewegungen wie Pegida, um die zu bekämpfen, genau wie kriegerische Auseinandersetzungen, am besten bei den Ursachen und nicht bei den Symptomen gearbeitet wird. Und ein Armutsbericht ist nichts anderes als ein Symptom.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s